30 Jahre Wiedervereinigung

Aus der Sicht der Millennials, also aus der Sicht der Generation Y ist die Wiedervereinigung irgendwo zwischen Pleistozän und Kreidezeit einzuorden. Aber immerhin: Sie haben noch einen zeitlichen Bezug zu Wiedervereinigung. Aus der Sicht der Generation Z, also aus der Sicht der Postmillennials ist Wiedervereinigung ein sprachliches Relikt aus alter Zeit, etwa so wie die liebestrunkene Kaltmamsell im Lichtmond. Wiedervereinigung ist Geschichte, die Zeit kann nicht gut gewesen sein, denn es gab kein WLAN und Wiedervereinigung ist, wenn Oma und Opa wieder diese gähnend laaaangweiligen Geschichten rauskramen. Knapp 50% der heutigen Bevölkerung hat keine oder eine nur überlieferte Vorstellung von der Zeit des Mauerfalls, nur etwa 25% der Leute heute haben die DDR und die alte Bundesrepublik als Erwachsene, als Familienväter oder Mütter oder als Berufstätige erlebt. Alle anderen mussten zu der Zeit spätestens nach der Tagesschau ins Bett. Das sind die, die bald schon mit Rentenanträgen herumfuchteln.

Wenn wir hier einen Beitrag über 30 Jahre Wiedervereinigung schreiben, dann ja nur, um etwas in Erinnerung zu halten, was so langsam in Vergessenheit gerät. Ich habe es selbst versucht, meine drei Postmillennials zur Einheitsexpo in die Stadt mitzunehmen. Es-sagt-ihnen-einfach-nichts. Schwarz-rot-goldenes Riesenherz im Stadtgraben. Aha. Altmodisch aussehendes Auto auf vier Beinen vor dem Landtag. Weird. Texte von gestern aus dem Lautsprecher der Exponatcontainer. Vongestern. Keine coole Kulisse für Selfies jedenfalls.

Für die, die nach der Tagesschau und vor Schimanski ins Bett mussten hat das W i r eine Bedeutung. Wir wissen, was ein Westpaket ist, wie es riecht. Wir können mitreden, über Ostbesuch und Nationalstolz, der sich in Senf manifestiert. Und wir entlarven alle, die Halloren falsch betonen als ewig westliche. Weil sie Halloren auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch falsch betonen.

Kultur prägt, ordnet ein und regelt

Spätestens seit Kultur ein Teil der Politik ist wissen wir, dass Kultur ein Teil der Ordnung ist, dass Kultur geregelt ist und kulturelle Prägung eine Errungenschaft ist. Kultur ist nicht nur Preussen und der Alte Fritz, sondern Heimat, Identität, Wir-Gefühl und Aufgehobenheit. Kultur ist die eigene Geschichte, Kultur ruft in Dir wach, was die Jugend in Dir verankert hat. Kultur ist der Anker, er gibt Dir Halt, wann immer Du mit Kultur in Kontakt kommst.

Kultur ist Verantwortung und Dilemma in einem

Kultur hat den der Kultur innewohnenden Anspruch, langlebig zu sein. In der nächsten Generation noch zu existieren. In Kultur schwingt die Hoffnung mit, dass unser heutiges Kulturschaffen auf eine Zeitreise geschickt werden kann. Ein Dilemma, welches Erbauer von Schlössern gut kennen. „Für die Ewigkeit gebaut“ bedeutet: Teure Baumaterialien mit teuren Verfahren zu einem teuren Kunstwerk zusammengebaut. Zu jeder Zeit wäre das Geld für soziale Ausgaben nötiger gewesen und dort besser angelegt gewesen. Das gilt für Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Nymphenburg genauso wie für Sanssouci und Charlottenburg oder Versailles und auch den Petersdom: Zu jeder Zeit hätte das viele Geld für all den Marmor leere Mägen gefüllt. Aber dann hätten wir heute keine Schlösser, keine Parks, kaum Kirchen, ja vielleicht kaum Kultur. Es ist die Kultur, die uns diese Art der Aufrechnung verbietet.

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